Die EU-Kommission verlangt das Ende des unendlichen Scrollens auf TikTok und droht bei Verstößen mit Geldbußen von bis zu sechs Prozent des Jahresumsatzes. Brüssel fordert außerdem schwer umgehbare Bildschirmzeitpausen und tiefgreifende Änderungen am personalisierten Empfehlungssystem, weil die aktuelle Gestaltung Nutzerinnen und Nutzer in einen Autopilot-Modus versetze und die Selbstkontrolle, besonders bei Kindern und Jugendlichen, gefährde. TikTok weist die Vorwürfe zurück und kündigt an, die Untersuchungsergebnisse gerichtlich anzufechten; in Deutschland wächst zeitgleich die Debatte über problematische Nutzungsmuster, während sich der sogenannte Analogue Trend als Gegenbewegung formiert.
Die EU-Kommission hat in einer vorläufigen Untersuchung festgestellt, dass der Aufbau von TikTok Nutzerinnen und Nutzer konstant mit neuen Inhalten belohnt, sie in einen sogenannten "Autopilot-Modus" versetzt und damit zwanghaftes Verhalten sowie Beeinträchtigungen der Selbstkontrolle fördern könne. Die Behörde verlangt deshalb eine Reihe technischer und konzeptioneller Änderungen an der Plattform. Das berichtet die Wochenzeitung Die ZEIT.
Was die EU-Kommission verlangt
Konkret fordert die Kommission nach Angaben der ZEIT die Abschaffung des unendlichen Scrollens, die Einführung wirksamer, schwer umgehbarer Pausen zur Bildschirmzeit sowie grundlegende Anpassungen am stark personalisierten Empfehlungssystem. Die Untersuchung, die bereits im Februar 2024 eingeleitet worden war, kommt zu dem Ergebnis, dass die derzeitige Gestaltung das Nutzungsverhalten in eine automatische Routine überführt. Die EU sieht darin eine Gefährdung der Selbstkontrolle, die insbesondere bei Kindern und Jugendlichen zu problematischen Nutzungsmustern beitragen kann.
Die ZEIT berichtet weiter, dass bei einem formellen Verstoß gegen den Digital Services Act empfindliche Sanktionen drohen können, bis zu 6 Prozent des Jahresumsatzes. TikTok habe die Vorwürfe laut derselben Berichterstattung als "kategorisch falsch und völlig haltlos" zurückgewiesen und angekündigt, die Erkenntnisse rechtlich anzufechten. Die Kommission hat TikTok die Möglichkeit zur Stellungnahme und Verteidigung gegeben.
Bei der praktischen Umsetzung solcher Vorgaben bleiben viele Fragen offen. Weder die Kommission noch die Plattformen haben verbindliche Fahrpläne genannt, wie etwa das Scroll-Verhalten technisch geändert oder Empfehlungsmechanismen modifiziert werden sollen. Verfügbare Quellen liefern dazu keine klaren Zeitpläne.
Analogue Trend und Forschungslage in Deutschland
In Deutschland wächst parallel zur politischen Debatte die wissenschaftliche und epidemiologische Evidenz für problematische Nutzungsmuster. Die Krankenkasse DAK-Gesundheit und das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf dokumentierten, dass im vergangenen Herbst 21,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen eine riskante Nutzung sozialer Medien zeigten, nach 21,1 Prozent im September und Oktober 2024. Die Autorinnen und Autoren der Studien stuften 6,6 Prozent als pathologisch beziehungsweise suchtkrank im Bereich Social Media und 4,0 Prozent bei Videoplattformen ein.
Nach Angaben der DAK entsprechen diese Raten etwa 350.000 betroffenen Kindern und Jugendlichen.
Die Studien nennen zudem Nutzungszeiten: Kinder und Jugendliche verbrachten im Mittel 2,7 Stunden mit Social Media an einem Wochentag und 3,3 Stunden am Wochenende. In Beratungs- und Unterrichtszusammenhängen sprechen Betroffene und Fachstellen eher von "problematischer oder exzessiver Mediennutzung" statt von formalmedizinisch anerkannter Störung. Typische Kriterien für diese Einstufung sind Kontrollverlust, Schlafstörungen sowie Einbußen in Schule und Alltag.
DAK-Chef Andreas Storm bezeichnete die Entwicklung als "alarmierend" und forderte nach Angaben der Kasse schärfere Jugendschutzregeln sowie mehr Vermittlung von Medienkompetenz. Auf politischer Ebene wird weiterhin über strengere Altersgrenzen für soziale Netzwerke diskutiert. Berichten zufolge soll auf dem bevorstehenden CDU-Parteitag ein Antrag zur Einführung eines gesetzlichen Mindestalters für soziale Netzwerke beraten werden.
Der Analogue Trend als Reaktion
Gleichzeitig formiert sich auf den Plattformen eine Gegenbewegung. Nutzerinnen und Nutzer zeigen unter Schlagwörtern wie #analog und #offlinehobbies analoge Hobbys wie Malen, Puzzeln, Stricken, analoge Fotografie oder Lesen, um Doomscrolling und "Digital Fatigue" zu reduzieren. Heise analysiert diesen "Analogue Trend" als Versuch, Dopamin-getriebene Aufmerksamkeitsmuster zu durchbrechen und ruhige, manuelle Tätigkeiten in den Alltag zurückzuholen.
Heise weist jedoch auf eine grundsätzliche Widersprüchlichkeit hin. Das Veröffentlichen von Analogue-Inhalten auf denselben Plattformen kann Nutzerinnen und Nutzer wieder zum Bildschirm zurückziehen. Zudem zitiert Heise eine Vodafone-Studie, bleibt damit aber die einzige Quelle für diese spezielle Untersuchung. Diese Vodafone-Ergebnisse liegen außerhalb der Quantifizierungen der DAK-Studie und sind folglich einzelquellenbasiert.
Für Beratungsstellen bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Analoge Hobbys können helfen, Alltagsrhythmen zu stabilisieren. Zugleich gibt es das Risiko, dass die Präsentation dieser Aktivitäten auf Social Media neuen Druck und erneuten Konsum erzeugt. Betroffene berichten in Gesprächen, dass das Ziel, offline zu sein, nur selten vollständig erreicht wird, wenn die Dokumentation der eigenen Offline-Aktivität weiterhin digital erfolgt.
Fachleute betonen, dass Politik und Plattformbetreiber nicht allein auf einzelne Trends reagieren können. Es brauche verbindliche technische Vorgaben, bessere Medienbildung in Schulen und klare Schutzmechanismen für Minderjährige. Zu konkreten Umsetzungsfristen oder technischen Details geben die verfügbaren Quellen jedoch keine verbindlichen Antworten.
Related Articles
- Das Amt kostenlos online sehen: Ihr Leitfaden für 2026
- Cyberkriminalität Deutschland 2026: Phishing & Schutz
- Siri-Rettung: Google soll Apple 1 Milliarde pro Jahr liefern
Die Kommission leitete die Untersuchung im Februar 2024 ein; sollte TikTok formell gegen den Digital Services Act verstoßen, drohen Sanktionen von bis zu 6 Prozent des Jahresumsatzes.
Dieser Artikel wurde mit KI-Unterstützung erstellt.